Konzertreview #2_1

Doch noch im 7. Himmel angekommen bei den Stuttgarter Sternstunden

Damit, dass Placebo im Jahr 2011 irgendwo auf diesem Planeten ein Konzert geben, hat eigentlich niemand gerechnet. Doch Ende Juli stand die Nachricht schwarz auf weiß im Internet: Placebo als Headliner bei den Stuttgarter Sternstunden auf dem Schlossplatz anlässlich der Feierlichkeiten von 125 Jahren Mercedes Benz am 11. August 2011. Natürlich genau in der Woche nach meinem Urlaub, aber zum Glück ist Stuttgart für mich und meine Freundin nicht so weit entfernt (läppische 250 km).

Wir düsten direkt nach der Arbeit los und waren gegen 17.20 Uhr am Schlossplatz. Nach wochenlangem Regen sah es so aus, als würde sich der Sommer an diesem Tag ‘mal blicken lassen – optimales Open Air Wetter! Wie erwartet drängten sich schon Scharen von Menschen auf dem Platz im Herzen der Stadt – 35.000 Tickets waren in Windeseile verkauft gewesen, 15 € pro Ticket ist aber auch ein Schnäppchenpreis! Die erste Band The Words fing gerade an zu spielen, und meine Freundin und ich mussten beim Schlendern über das riesige Schlossplatzareal feststellen, dass man, wenn man wie wir Zwergengröße hat, von keiner Stelle aus die Bühne oder auch nur die Bildschirme links und rechts der
Bühne sieht. (Hätte man die Monitore nicht höher aufhängen können?) Unser Versuch, weiter nach vorne zu gelangen, endete an einer Barriere, die an einer Stelle einen schmalen Zugang zu dem Bereich direkt vor der Bühne bot, und als wir frohgemut und nichtsahnend diese Schleuse passieren wollten, wurden wir von einem Securitymenschen gestoppt, der uns den Zugang verwehrte, weil wir kein Bändchen hatten. Wir verstanden gar nicht, was er meint. Was für ein Bändchen? Wir hatten beim Eingang kein Bändchen bekommen, wo soll’s die denn geben? Und dann kam die Schock-Info: Ein Bändchen hatte jeder der ersten 5000 Besucher des Areals vor der Bühne um den Arm geklebt bekommen, sobald besagte Person diesen Bereich verlassen wollte, um sich etwas zu essen oder trinken zu kaufen oder auf Toilette zu gehen oder was auch immer. Mit anderen Worten: Ohne Bändchen keine Sicht auf die Bühne. Mit einem Schlag war unsere Stimmung nicht mehr so gut, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Wir tigerten also weiter auf der Suche nach der Stelle, wo man die Bühne sieht… ein Stück der Bühne sieht… wenigstens die Bildschirme sieht… und mussten feststellen, dass eine solche Stelle nirgends existierte, weil immer entweder riesige Menschen oder Bauwerke uns die Sicht versperrten. Und die Stuhltribüne für die VIPs mit bester Sicht zur Bühne war für uns Normalsterbliche tabu – auch wenn die meisten blauen Stühle bis zum Schluss
leer blieben. Die Bewacher dieser Sonderzone waren aber unerbittlich und unsere Argumente prallten schonungslos ab. Dass wir auf unserem steten Rundgang viele Bekannte (die meisten mit ähnlichen Problemen) trafen, war zwar nett – schön,
wenn man sich mal wieder sieht –, aber unsere Laune verfinsterte sich stetig, zumal man weiter hinten noch nicht einmal etwas von der Musik mitbekam; die vielen Besucher übertönten den Sound der Bühne locker. Vielleicht lag es auch daran, dass bei 30 Seconds to Mars, die ich gerne gesehen (und gehört) hätte, das Musizieren offenbar nicht im Vordergrund stand. Unser Frust war gigantisch! Am besten sah man immer noch am Eingangsbereich zum „Areal der Glückseligen“ vor der Bühne, für meine Augen waren immerhin ein winziger Teil der Bühne und ein Teil des rechten Bildschirmes zu sehen, der Rest war entweder von großen Menschen oder dem linken Gebäudeflügel verdeckt.

Auf einmal verließen Scharen von Menschen mit grünem Bändchen ums Handgelenk den Bereich vor der Bühne – der Auftritt von Jared Leto & Co. war zu Ende – und alle mussten sie durch den etwa 1 m breiten Durchgang in der Barriere. Wie ein Blitz realisierte ich: Das war unsere Chance! Ich fragte alle, die an mir vorbeikamen, ob sie später noch einmal
zurück zur Bühne gehen wollten oder ob ich ihr Bändchen haben kann und ergatterte tatsächlich eines! Ich brauchte aber noch ein zweites, denn ich konnte ja schlecht meine Freundin im Außenbereich stehen lassen, und wenige Minuten später hielt ich tatsächlich ein zweites grünes Bändchen in der Hand! Was für ein Glück! Gegen den Strom der Hungrigen / Durstigen / Leute mit Harndrang quetschten wir uns nach vorne, wo natürlich ein Pulk von Fans mittig vor der Bühne stand, aber links war superviel Platz und wir hatten perfekte Sicht auf die Bühne! Großer Umschwung der Gefühle, der krasse Wechsel von Volldepression auf Euphorie ließ mich fast aus den Latschen kippen! Noch 30 Minuten bis zum Placebo-Auftritt…

Pünktlich um 20.30 Uhr ertönte aus den Lautsprechern das „Aaaaa-haaaaa“-Intro (wie auch immer dieses Musikstück in Wirklichkeit heißen mag) und dann standen sie auf einmal auf der Bühne: Brian in schwarzer Jeans, weißem T-Shirt mit gigaaaantischem V-Ausschnitt und schwarzem Gilet darüber, die Haare sommerlich kurz – gut schaut er aus! –, Stef im Silberanzug mit Bart im Gesicht und einer Art Iro auf dem Kopf und Steve natürlich mit nacktem Oberkörper, sodass man die Tattoos gut sieht, Bill, Nick und Fiona alle ganz in Weiß. Wie hatte ich diesen Anblick vermisst!

Die erste Single des 2009 veröffentlichten „Battle for the sun“-Albums, „For what it’s worth“, die irgendwann 2010 von der Setlist verschwand, krachte uns als Erstes um die Ohren, gefolgt von „Ashtray heart“. Um uns herum jubelnde und tanzende Leute aller Altersklassen und ein Meer von in die Luft gereckten Fotoapparaten und Handys – Brian schien sich an diesem Abend nicht daran zu stören und begrüßte die „Damen und Herren, Brudern und Schwestern“ und hieß alle herzlich willkommen, bevor er diejenigen, die das
noch nicht mitbekommen hatten, darüber aufklärte, dass die Heimatstadt der Band, London, zur Zeit brennt. „But we live by the river… London is burning but it’s okay, cause we are with you here tonight“. Schon zwei Tage zuvor beim Warm-up-Konzert in Berlin äußerte sich der Frontman der Band in dieser Art und für mich hörte es sich so an, als wolle er damit ausdrücken, dass die Leute im Publikum sich nicht sorgen und stattdessen das Konzert genießen sollen. Die ideale Einleitung für „Soulmates“ mit den Versen „Hush, it’s okay, dry your eyes“ – dennoch empörten sich in den Fanforen etliche Leute über diese Aussage. Es folgte „Bright lights“ und anschließend die übliche Triade „Follow the cops back home“, „Every you every me” und „Special needs“. Die Band schien Spaß daran zu haben, wieder auf der Bühne zu stehen. Vor allem Brian lächelte ständig und kündigte „Breathe underwater“ wie so oft an mit den Worten „A public service announcement: We like to remind every single one of you here tonight to breathe underwater. Thank you.” Warum er dieselben Ansagen immer und immer wieder verwendet, weiß wohl nur er selbst, aber ich gehöre immer noch zu denjenigen, die sich darüber amüsieren (und nicht zu den Leuten, denen die ewig gleichen Sprüche bei ewig gleicher Setlist zum Halse heraushängen;  man sollte bedenken, dass ja nicht jeder bei jeder Tour zig Placebo-Konzerte besucht, wobei ich mich aber schon frage, ob das der Band nicht allmählich langweilig wird, aber das gehört eigentlich nicht hierher…) Das nun folgende „All apologies“ widmete Brian abwesenden Freunden, die diese Welt zu früh verlassen haben wie Kurt Cobain, der diesen Song geschrieben hatte, und – Brians Worte ins Deutsche übersetzt – die kleine Sängerin mit der enormen Stimme und dem ironischen Namen, Miss Amy Winehouse. Wie üblich wechselte Brian nach jedem Lied die Gitarre und bei dem Nirvana-Cover zückte Brian eine offenbar neue rote Fender-Gitarre. Solche Kleinigkeiten begeistern mich, wie auch die Tatsache, dass diesmal manche Songs nicht mit den üblichen Gitarren gespielt wurden. Ich bin wahrscheinlich eine der wenigen, die ein Faible für die Gitarren der Band hat, und finde es schade, dass Bitch und die hellbaue Fender Cyclone anscheinend zu Hause bleiben mussten! Anschließend wurde eines meiner Lieblingslieder gespielt, „Meds“, aber es schmerzte mich doch ein wenig, dass meine Lieblingsstelle, das allerletzte „I was alone, falling free, trying my best not tooo-hooo forgeeee-heeeet“ diesmal komplett weggelassen wurde wie auch schon beim Konzert in Berlin. Also, Herr Molko, DAS geht ja mal gar nicht! Nächstes Mal hätte ich das Liedchen gern komplett mit allen Posen, die dazugehören! Auch dass Brian und Stef danach mit ein paar Brocken Deutsch zu allgemeiner Erheiterung beitrugen, machte den „Meds“-Schluss-Totalausfall nicht wirklich wett. Dennoch hatte die kurze Konversation Sesamstraßencharakter, und Sesamstraße mag ich:

Brian: „Ich habe etwas alte Schule gern. Was denkst du,
Stefan, ein bisschen alte Schule?“

Stef: „Ja, warum nicht?“

Brian: „Ja? (ans Publikum gerichtet) Was denken Sie?“

Und weiter ging‘s mit der ab 2010 existierenden aufgepeppten
Version von „Teenage angst“, bevor Brian wieder die wunderschöne alte Gretsch-Gitarre
bekam, um „Song to say goodbye“ zu spielen, und danach ging der erste Teil des Konzerts mit „The bitter end“ auch schon zu Ende und das Video mit der sich in Kreis drehenden Person im roten Tütü wurde eingespielt.

Ich erwartete als erstes Lied des Zugabenblocks eigentlich „Trigger happy hands“, weil damit meistens die Zugaben eingeleitet wurden, aber die Geräusche, die als Nächstes kamen, hörten sich so gar nicht nach dem Song, zu dem Timo Maas die Musik gestiftet hatte, an. Als meine Ohren plötzlich altbekannte Synthie-Klänge vernehmen konnten, war die Sache klar: „Running up that hill“! Was für eine Überraschung, dieses Lied, das, soweit ich weiß, 2007 das letzte Mal live gespielt wurde, noch einmal bei einem Konzert zu hören!
Brian und Stef benutzten beide dafür eine schwarze Gretsch-Gitarre, eine schöner als die andere, und ich dachte mir zum x-ten Mal: „Das Auge hört mit!“. Das Kate Bush-Cover schien stimm-mäßig für Brian aber anstrengend gewesen zu sein, denn bevor es weiterging mit „Trigger happy hands“, sah man auf der Großleinwand, wie Brian seinen Rachen mit reichlich „Throat Coat“ Spray ölte. Wenn meine Ohren mich nicht täuschen, wandelte Brian den Text ein wenig ab zu „The world is run by lying cunts…“. Ich finde die Zugaben-Songs immer sehr gelungen gewählt, quasi vier Lieder zum Abtanzen, zum Sich-noch-einmal-total-Verausgaben bis zum Konzertende – oder kann man tatsächlich zu „Trigger happy hands“, „Post blue“, „Infra-red“ und „Taste in men“ stillstehen bleiben? Ich kann es jedenfalls nicht.

Glücklich wegen des gelungenen Konzertes, das wir hören UND sehen konnten, und zugleich traurig, weil nun schon alles vorbei war, sahen wir, wie die sechs Leute von der Placebo-Live-Crew an den vorderen Bühnenrand traten, sich an den Händen nahmen, sich verbeugten und nach einem Moment des Verweilens und Zuwinkens die Bühne verließen und dann ertönte auch schon die Klaviermusik, die anzeigt, dass die Show nun wirklich zu Ende ist. Kurzer Plausch mit Freunden, die es auch in den „VIP-Sektor“ vor der Bühne geschafft hatten und dann ab nach Hause – der nächste Arbeitstag musste mit wenig Schlaf bewältigt werden, aber wer so voller Glücksgefühle ist, kommt auch mal eine Nacht ohne Schlaf aus. Hoffentlich beehren uns Placebo bald wieder!

© Luzie

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