Konzertreview #4_1

Paris, Pieper Heidsieck und Placebo, © Luzie

Selbst der strengste Kritiker dieser neuen Allianz zwischen Placebo und Mercedes dürfte, sofern er das Konzert im Pariser Le Bataclan am 22.06.12 erleben durfte, davon überzeugt sein, dass Placebo featuring Mercedes ein ganz starkes Duo sind!

Dass ich Teil dieses außergewöhnlichen Events war, ist purer Zufall. Der Gewinn eines Tickets über das offizielle Forum der Band ermöglichte meinen Kurztrip in die französische Hauptstadt und versöhnte mich ein wenig mit der Gig-Policy, dass Tickets nur gewonnen werden können – ein Schock für jeden Fan, der sonst weder Kosten noch Mühen scheut, um der Musik seiner Lieblingsband live lauschen zu können. Aber bei dieser mit A Rock betitelten und fünf Shows umfassenden Konzertreihe ist alles anders, nicht nur dass plötzlich das glückliche Händchen anderer darüber entscheidet, ob man mit von der Partie ist oder nicht.

Außerdem sind die Konzerthallen in Paris, Rom, Zürich, Hamburg und Madrid eher kleineren Formats und noch dazu wird nur etwa 800 glücklichen Ticketgewinnern der Zutritt gestattet, obwohl die Räumlichkeiten normalerweise noch ein paar hundert mehr Leute fassen könnten. Aber man braucht hier den Platz für andere Dinge: die Leute mit Bauchladen nämlich, die einem beim Einlass entweder einen Champagner (ja, nicht bloß gewöhnlicher Sekt, sondern die Edelvariante) oder einen Cosmopolitan servierten – kostenlos, versteht sich. Außerdem gab es hübsch auf Spieße gesteckte Häppchen der haute cuisine vom Edelpartyservice, die teilweise im Saal auf Boxen angerichtet standen, die aber auch von eifrigen Leuten im A Rock-T-Shirt den Besuchern gereicht wurden. Was für ein Verwöhnprogramm! Es folgten Shrimps in Becherchen, Gänseleber, Mini-Burger und vieles mehr und immer wieder bekam man ein Glas mit dem gewünschten Getränk gereicht, Antialkoholisches im hübschen A Rock-Plastikbecher. Man hätte fast vergessen können, weswegen man eigentlich da war. Nicht zum Essen und Trinken – Mercedes hatte eingeladen, um die neue A Klasse vorzustellen. Ein Modell dieser Reihe in mattem Grau konnte man vor der Halle, nebst gigantischem Mercedes-Stern, bestaunen. Ach ja, und meine Lieblingsband sollte da ja auch spielen!

Um kurz nach 21 Uhr kündigte sich das kommende Musikevent in Form einer Videoinstallation auf dem weißen Vorhang vor der Bühne und auf den zahlreichen Leinwänden in der oberen Etage an. Zu Discobeats sah man mehr oder weniger futuristische Formen flackern und zwischendrin immer mal wieder Objekte, die sehr an Ausschnitte eines Mercedes Benz-Wagens erinnerten, dessen Vorteile zum Schluss natürlich auch erwähnt wurden. Sexy soll die neue A-Klasse sein, aha. Gegen Ende der Darstellung wurden auch Brian, Stef und Steve mehrfach kurz eingeblendet und um 21.30 Uhr standen sie dann leibhaftig vor den Fans, deren Lebensgeister durch die vielen dargereichten Speisen und Getränke nach in vielen Fällen stundenlangem Ausharren vor der Halle wieder gestärkt waren. Kaum ertönten die ersten Takte von „Kitty litter“ (Yay, „Kitty litter“!), schmälerte sich der Platz, der einen bis dahin umgab, erheblich, weil etliche Besucher so aus dem Häuschen waren, dass sie die fünf Herren und die Dame auf der Bühne wohl alle am liebsten von ganz nah angeschaut hätten. Doch an der Barriere ging es logischerweise nicht weiter. Während „Battle for the sun“ und „Ashtray heart“ wurde es dann noch einmal enger und während ich – dem Zustand einer Ölsardine in der Dose ähnlich – irgendwann nur noch meine Arme bewegen konnte, da der Rest total eingequetscht war, betrachtete ich Brians gesungene Worte „Start breathiiiiiing“ als eine kleine Ironie des Schicksals. Aber was erträgt man nicht alles, um seine Lieblingsband live zu sehen!  Durchgeschwitzte, am Körper klebende Kleidung und ebenso am Körper festhaftende fremde Menschen sowie das Fehlen jeglicher Bewegungsfreiheit waren spätestens dann vergessen, als die Band „In a funk“ spielte – zum ersten Mal überhaupt! Zuvor hatte auch ein anderes Lied an diesem Abend Placebo-Premiere! Eine sehr rockige Nummer, die nicht so ganz leicht ins Ohr geht und mal wieder ganz anders klingt als alles, was man bislang von der Band gehört hat, mit markanten und sehr, sehr geilen Gitarrenriffs und einer guten Portion Melancholie. Brian verriet den Titel nicht, kommentierte den Song auch nicht – eine kleine Internetrecherche ergab allerdings, dass es ein Coversong ist, und zwar „I know you want to stop“, 1995 von der Band Minxus veröffentlicht. Brian war generell sehr wortkarg. Gemäß dem Motto „It’s a rock show, not a talk show“ beschränkte sich seine Konversation auf diverse Mercis und Thank yous. Das war aber bestimmt nicht der Grund dafür, dass eine junge Dame neben mir in Tränen ausbrach, während die Band „Without you I’m nothing“ spielte. Ihre Stimmung änderte sich aber spätestens bei „Special K“ mit gewohnter audience participation beim badambambambadadadam. Natürlich wurden auch Songs, die einfach nicht fehlen dürfen, z.B. „Soulmates“, „Meds“ und „The bitter end“ gespielt.

Stef sah übrigens wieder mal sehr schick aus in seinem schwarzen T-Shirt, dessen Seiten bis fast zur unteren Naht geöffnet waren und tiefe Einblicke erlaubten, und in seiner Hose mit rockähnlicher Erweiterung im Schrittbereich, wie auch immer man diesen Schnitt nennt. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich mich gerade als Modemuffel entlarve, die Kenner der haute couture mögen es mir verzeihen, aber mit Gitarren kann ich einfach mehr anfangen als mit Klamotten und Brian bescherte mir mein persönliches Gitarren-Highlight:

Für „Nancy boy“, das als erstes Lied der Zugabe gespielt wurde, benutzte er die Fender-Gitarre, die er in Valladolid 2010 als Ersatzgitarre bekam, als an „Bitch“ eine Saite gerissen war, eine Fender Jaguar mit rotem Korpus und rotem Kopf. Der Rest der Zugabe war wie bisher, dieselben Songs, dieselben Instrumente: „Post blue“, „Infra-red“ und ganz zum Schluss „Taste in men“. Etwa um 23.15 Uhr war das Konzert zu Ende, aber die von Mercedes engagierte DJane legte sofort los und hielt die Leute in Bewegung. Sofort kamen auch wieder die netten Leute mit den Bauchläden angeschwirrt und brachten den Feuchtigkeitshaushalt aller Besucher wieder auf Normalniveau und füllten die Mägen, in denen noch Platz war. Wir tanzten noch eine ganze Weile, denn genau danach war uns zu Mute: Tanzen vor lauter Glückseligkeit! Was für ein fantastischer, außergewöhnlicher Tag das war!

© Luzie

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4 Antworten zu Konzertreview #4_1

  1. Chris schreibt:

    Ohhhh Luzie….. ich liebe deine Art zu schreiben und wie du das erlebte in Worte fast.Man hat fast das Gefühl selbst dabei gewesen zu sein…..Danke Luzie. 🙂

  2. kitz schreibt:

    Also Luzie dein Bericht…….Ähm… mir fehlen die Worte, indessen du ja um so besser damit umgehen kannst 🙂 Also bis auf Brians Wortkargheit ein perfekter Abend. Sogar mit Schnittchen und Champus. Eigendlich hätten sie ja noch wenigstens eine neue A-Klasse unter den Fans verlosen können…..mindestens. Nee ist schon ok. Ich war erst auch ein wenig irritiert über diese Zusammenarbeit, aber wenn dabei ein Gratis Konzert abfällt…why not. Also vielen Dank für deinen Rückblick!

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