Konzertreview #4_2

Placebo in der Härterei in Zürich (28.06.2012), © Luzie

Nach meinen Erfahrungen in Paris war ich in Zürich auf so einiges gefasst, was drückende Menschenmassen vor und während dem Konzert betrifft. Aber als ich gegen 16.30 Uhr an der Härterei ankam, saßen dort gerade mal – man glaubt es kaum! – drei Leute. Rechts vom Eingang parkte unter einer Art beleuchteten Bedachung der schicke A-Klasse Wagen, um den sich bei der Veranstaltung alles dreht – na ja, fast alles (aus Sicht der Organisatoren).

Nach und nach tröpfelten die Placebo-Fans ein, aber der große Ansturm kam erst kurz vor der angesetzten Einlasszeit, wobei „Ansturm“ das falsche Wort ist, da alles sehr gesittet ablief, sowohl beim Einlass als auch in der Halle. Ich konnte sogar mein zielstrebig angesteuertes Plätzchen in der ersten Reihe mehrmals verlassen, um schnell mal auf Toilette zu gehen oder um Getränke- und Essensnachschub zu holen, falls die Leute mit den Tabletts nicht schnell genug da waren. Niemand machte mir den Platz direkt vor der Bühne streitig, was für mich eine völlig neue Erfahrung war!

Die Härterei ist ein gutes Stück kleiner als das Bataclan in Paris und aufgrund drückender Temperaturen um die 30°C außen herrschten in dem schätzungsweise 500 Leute fassenden Raum Saunaverhältnisse. Eine Klimaanlage scheint es dort nicht zu geben. Insofern fand ich es angenehm, dass nach dem Werbevideo, also kurz vor Konzertbeginn, die Leute zwar näherrückten, aber einem nicht den Bauch an den Rücken pressten, so wie das in Paris war. Man hatte also Platz, konnte sich bewegen! Natürlich wurde man von den sehr aufmerksamen A*Rock-Bediensteten schnell noch gefragt, ob man noch etwas trinken möchte, und bekam das Getränk nach Wahl an den Platz gereicht (und auch während des Konzerts wurden alle, die das wollten, mit Sprudel im hübschen A*Rock-Plastikbecher versorgt).

Gegen 21.30 Uhr startete der Placebo-Auftritt mit den sphärischen Klängen von „Leeloo“. Brians Gitarrentechniker saß schon am Bühnenrand mit der frisch polierten schwarzen Fender Telecaster Thinline Deluxe auf dem Schoß, was wie bei den beiden anderen A*Rock-Konzerten auf einen Beginn mit „Kitty litter“ schließen ließ, und genauso war es – ein Ohrenschmaus für mich!

Zwei Lieder lang war es den professionellen Fotografen gestattet, Bilder aufzunehmen. Sobald „For what it’s worth“ zu Ende war, hatte man also freie Sicht auf die Bühne. Es dauerte allerdings keine zwei Lieder lang, bis sich das tropische Wetter auch bei den Bandmitgliedern bemerkbar machte. Der Schweiß floss nur so und die für die Saiteninstrumente Verantwortlichen hatten nach jedem Song ganz schön was trockenzureiben!

Der Rest der Setlist bestand aus denselben Liedern, die auch schon am 25.06. in Rom gespielt wurden: „Battle for the sun“, „Ashtray heart“, „Soulmates“, dann der Cover-Song „I know you want to stop“, den ich total fetzig finde. Diesmal ist mir vor allem aufgefallen, wie aggressiv Brian bei den Passagen, bei denen er nicht singt, in die Saiten seiner Gitarre haut, das sah gut aus und hörte sich auch gut an! Danach spielte die Band „Every you every me“ – ein Song, der wohl niemals von der Setlist gestrichen wird –, „Special needs“ und anschließend „Speak in tongues“, eines meiner Lieblingslieder. Wie schön, dass es momentan offenbar fester Bestandteil der Konzerte ist, genauso wie das folgende Lied „Black-eyed“. Anschließend gab es mit „Meds“ wieder ein ganz besonderes Highlight für mich, denn ich mag nicht nur dieses Lied ganz besonders, sondern Brians Körperhaltung und Mimik während diesem Lied sind meiner Ansicht nach immer der totale Augenschmaus. Es folgten „Bright lights“ und „Teenage angst“ mit Stef an der wunderschönen Gretsch White Falcon. Dann kam endlich bei „Song to say goodbye“ die meiner Ansicht nach schönste Gitarre der Welt zum Einsatz: Brians ganz alte Gretsch Duo Jet.

Die Silver Falcon, die Stef bei diesem Lied verwendete, kann sich aber auch blicken lassen, überhaupt sollte hier vielleicht erwähnt werden, wie stylisch die Körperbewegungen des großen Schweden beim Bass- und Gitarrespielen aussehen – den meiner Ansicht nach sehr treffenden Begriff „Gesamtkunstwerk“ habe ich in diesem Zusammenhang schon mehrfach benutzt –, auch wenn er nur die meiner Ansicht nach recht schlichte schwarze Gibson Les Paul in Händen hält wie für „The bitter end“ als letztes Lied vor der Zugabe.

Manche Konzertbesucher in Paris fanden Brian ja total muffelig, weil er so wenig geredet und gelächelt hat. Ersteres gilt auch für Zürich – er ist eben kein Mann der vielen Worte, wenn er auf der Bühne steht und musiziert. Dafür hat er aber in Zürich recht oft ein Lächeln gezeigt – vor allem seinen Bandkollegen und den Technikern, weniger dem Publikum –  und ich hoffe doch, dass ihm als Akteur das Konzert genauso viel Vergnügen bereitete wie mir als Zuschauer, auch wenn es Brian sicherlich grämt, dass er bei „For what it’s worth“ in einer Strophe mit dem Text danebenlag und es sofort merkte, aber ich finde, er hat das souverän und sehr sexy gelöst. Diese beiden Adjektive gelten definitiv auch für Steve, für den Ermüdungserscheinungen offenbar ein Fremdwort ist und von dem man nun hinter dem neuen durchsichtigen Plexiglas-Schlagzeug noch mehr sieht als bisher.

Am frühen Abend beim Soundcheck waren unter anderem die Gitarrenriffs von „Nancy boy“ gespielt worden; die Fenster in dem alten Industriegebäude vibrierten, so laut war es! Kein Wunder also, dass uns auch draußen nicht entging, was in der Halle ablief. Da Brians Gitarrentechniker während der Pause die hübsche „Bitch“ auf Hochglanz brachte, standen die Chancen ganz gut für dieses Lied oder „Post blue“, wofür die Fender Jaguar mit dem roten Korpus ja auch benutzt wird. Wie verdutzt war ich dann aber, als vom Band plötzlich das Intro zu „Infra-red“ erklang und grüne Linien im Hintergrund projiziert wurden! Sollte sich die Reihenfolge der Lieder im Zugabenblock etwa geändert haben? Noch erstaunter war ich, als sofort danach „Taste in men“ einsetzte, üblicherweise das letzte Lied, und tatsächlich war nach diesem Lied auch schon Schluss. Fiona entlockte dem Theremin per Handbewegung noch ein paar wirre Geräusche, Brian legte die Gitarre, mit der auch der Gig eröffnet wurde, vor den Verstärker und dann standen sie auch schon alle sechs nebeneinander auf der Bühne, klatschten und verbeugten sich und weg waren die Musiker. Sofort war „Sign of the time“ vom Band zu hören – unumstößlicher Beweis, dass es nicht doch noch eine zweite Mini-Zugabe gibt.

Ich fragte mich, ob „Bitch“ nur so hübsch gemacht wurde, um sauber im Gitarrenrack zu hängen… Ein Blick auf die am Boden klebende Setlist zeigte aber, dass „Post blue“ eingeplant war. Dass wir irgendwann erfahren, warum dieses Lied nicht gespielt wurde, bezweifle ich. Vielleicht war’s der Band einfach zu heiß in der Hütte – ich hab schon ganz zu Beginn zu meiner Freundin gesagt, dass ich bei diesen schwülheißen Temperaturen noch kein halbes Lied singen könnte ohne einen Kreislaufkollaps zu erleiden. Kann ja sein, dass Brian, Stef und Steve aus ähnlichen Erwägungen beschlossen, dass 17 Lieder unter diesen Umständen genug seien. Ich hoffe nur, dass sie nicht vom Publikum enttäuscht waren und deshalb ein Lied ausgelassen haben, falls das vertraglich überhaupt möglich ist. Laut Aussage von Fans, die weiter hinten standen, war die breite Masse wohl relativ bewegungslos und unenthusiastisch. Aber ich finde, dass man so etwas nicht überbewerten soll, denn wie schon mehrfach erwähnt mag die Affenhitze etliche Leute von wilderen Körperbewegungen abgehalten haben. Außerdem gibt es auch genug Leute, die ein Konzert genießen und von der Musik (und den Musikern) geflasht sind, ohne das Bedürfnis zu spüren, herumhopsen und gestikulieren zu müssen. Möglicherweise waren viele Ticketgewinner auch gar keine Fans, haben die Band eventuell zum ersten Mal bewusst wahrgenommen; das mag auch ein Grund für größere Zurückhaltung sein.

Das klingt jetzt ein wenig enttäuschend, ich möchte deshalb noch einmal betonen, dass der Abend trotzdem einsame Spitze war! Auch das A*Rock-Team war wieder 1A – alle superfreundlich und zuvorkommend! Zum Tanzen blieben wir diesmal nicht, die Musik war uns viel zu laut, bei 97 Dezibel kann man sich auch so schlecht unterhalten, und außerdem war es Zeit, sich mal wieder trockene Klamotten anzuziehen. Trotzdem posten wir noch vor der riesigen Placebo-Fotowand fürs A*Rock-Team und hoffen nun, dass die Fotos wie versprochen nur an unsere E-Mail-Adressen gesendet wurden und nicht doch noch irgendwo in den Tiefen des Internets auftauchen! 😉

© Luzie

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5 Antworten zu Konzertreview #4_2

  1. kitz schreibt:

    Liebe Luzie, erstmal wieder vielen Dank für deinen Bericht, der bei mir irgendwie ein merkwürdiges Gefühl hinterlässt. Von der Hitze (Location ohne Klimaanlage, hätte MB da nicht einen Club buchen können!?!) mal abgesehen ist die Band vieleicht auch nicht mit allen Arrangements einverstanden die Mercedes getroffen hat. Vieleicht waren es auch wirklich nicht nur Fans in der Halle, sondern irgendwelche V.I.P.s (ok…..bin immer noch traurig dass weder ich noch meine Schwester ein Ticket für Hamburg gewonnen haben) Jedenfalls freue ich mich für dich und die echten Fans dass es wieder ein tolles Konzert war. Lieben Gruß

    • Bruni schreibt:

      Fuck! So ungerecht geht es zu…ich habe Tickets gewonnen und bekomm nicht frei! Hatte schon Pipi in Augen,weil ich schon lange mal zu Placebo wollte, so ein kleines Konzert wäre ideal gewesen( die großen Festivals sind nix für mich) HEUL
      Aber mein kompliment an Luzie…wie bekommst du das immer hin bei Placebo dabei zu sein;-) Vielleicht gibt es ja wieder so einen netten Videoclip von Hamburg den ich mir dann anschauen kann(um mir danach in den Hintern zu beissen, wie man so schön sagt)

      • Thoms schreibt:

        hallo bruni– ich hab ein ticket für zürich gewonnen– witzig– wohne aber in der Nähe von Hamburg– obwohl ich es beim gewinnspiel angegeben hatte– na egal, ich hätte so gerne ein ticket für hamburg– kannst du mir wenigstens die location nennen, wo sie in hh spielen.– ich danke dir. anke auch ein riesiger Placebo-fan!!!!

  2. Chris schreibt:

    Danke Luzie 🙂 das du uns wieder so einen interessanten Bericht von dem Konzert und dem drum und dran beschert hast. 🙂 Auch die eingefügten Bilder in deinem Bericht sind wieder echt schön. LG Dundee 😉

  3. Bruni schreibt:

    Hallo Thoms. Placebo spielt in den Docks/ Hamburg, Einlass 19.30 Uhr. Zürich…na super Ich bin aus Nähe Leipzig,also ist Hamburg auch ne ganz schöne Ecke. na dann viel Glück beim Einlass…weiß garnicht ob das dann so einfach wird( ohne Gewinnerticket für Hamburg)
    LG

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