Konzertreview #4_6

Battle for the shadow – Placebo im Castello Scaligero in Villafranca di Verona (03.08.12), © Luzie

„36 degrees“ wird wohl auf alle Zeit der imaginäre Soundtrack für meinen Kurztrip nach Villafranca di Verona bleiben, denn genauso heiß war es dort. Im Schatten, versteht sich. Für mich bleichgesichtiges Nachtschattengewächs die bloße Tortur, aber der Anreiz dafür, diese widrigen Umstände 24 Stunden lang irgendwie zu ignorieren oder zumindest zu akzeptieren, war schon sehr stark.

Nachdem meine Freundin und ich gegen 10 Uhr morgens im Hotel angekommen waren und uns ein bisschen ausgeruht hatten, beschlossen wir gegen 14 Uhr, mal nach einem Restaurant Ausschau zu halten, denn schließlich wollten wir uns später gestärkt ins Konzertgetümmel im Castello Scaligero werfen. Aber das kleine pittoreske Städtchen mitten im norditalienischen Nirgendwo, bestehend quasi nur aus einer schnurgeraden Hauptstraße, die direkt zur Schlossruine führt, war wie ausgestorben.

In meinem Kopf gesellte sich bei diesem Anblick, kombiniert mit flirrender Hitze, neben „36 degrees“ die Mundharmonikamelodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“. Jeder, dessen Verstand halbwegs funktioniert, war wohl in einem der Häuser mit ausgiebiger Siesta beschäftigt, alle Geschäfte waren geschlossen, Restaurants gab es nicht, sodass wir uns mit einem Panini in einem gemütlichen Cafe, dessen einzige Besucher wir waren, begnügen mussten. Auch unser Sightseeingvorhaben kam nach einer dreiviertel Runde um das wunderschöne Castel Scaligero durch die Affenhitze zu einem vorschnellen Ende. Man konnte zwar durch die Schießscharten den Innenraum samt Bühne einsehen und sich schon einmal ein bisschen orientieren, aber die Alternative, sich in eine der beiden Warteschlangen zu hocken, die dank Überdachung im Schatten lagen, und sich nicht mehr zu rühren, war einfach stärker als sämtlicher Erkundungsdrang, der vielleicht in einem Kreislaufkollaps geendet hätte, noch bevor im Schlossinnenraum der Soundcheck beendet war.

Dass allzu viele Leute aus den Latschen kippen, wollten offenbar auch die Security-Leute vermeiden, denn sie sagten uns, dass es erlaubt ist, Plastikflaschen mit ins Innere zu nehmen. Wie gut, dass ich im Auto noch eine volle 1,5-Liter-Flasche Wasser hatte, die hab ich dann schnell mal noch geschnappt!

Um 18.45 Uhr wurde uns endlich der Einlass gewährt. Natürlich wurde in der Aufregung ein wenig geschubst und gedrückt, aber alles in allem verhielten sich die Leute recht human und auch später während des Konzertes blieben zumindest in meinem Umfeld alle friedlich.

Als meine Freundin und ich im Innenraum ankamen – im Prinzip eine viereckige, grasbewachsene Ebene –, standen natürlich schon ganz viele Leute, die vor uns in den Warteschlangen waren, direkt vor der Bühne. Aber ganz links außen war noch jede Menge Platz an der Barriere und man sah dort ohne Hindernis auf die Bühne. Warum also sich irgendwo in der Mitte in die zweite oder dritte Reihe quetschen, wo die Sicht nicht ganz so gut ist und wo man sich auch nicht so bequem hinsetzen kann wie ganz vorne? Wir fanden unser Plätzchen perfekt! Angenehm war auch, dass die Bühne und die Schlosswand Schatten spendeten.

Erfreulicherweise begann die Vorband Aucan ihr Programm um 20.30 Uhr ­­– eine Stunde früher als auf dem Ticket angekündigt. Ich fand die Musik der drei jungen Männer in Kapuzenpullis (nicht gerade die perfekte Kleidung, aber vielleicht ist das so eine Art Bühnenoutfit, auf das nicht verzichtet werden kann?) nicht schlecht, aber als Einstimmung für ein Placebo-Konzert nicht so passend. Electrorock mit wirren, an zwei Mischpulten kreierten Geräuschen und mit stark verzerrtem Gesang höre ich lieber bei anderen Gelegenheiten und da es trotz Schatten immer noch affig heiß war, wollte ich meinen Kreislauf lieber nicht mit irgendwelchen Bewegungen strapazieren, solange nicht die Band, wegen der ich mit dem Auto 800 km Richtung Süden gebrettert war, auf der Bühne erscheint. Denn etliche Mädels mussten von den Sanitätern versorgt werden, noch bevor die erste wall of noise aus den Verstärkern dröhnte und ich wollte nicht die nächste sein, die in der Horizontalen vom Platz getragen wird.

Gegen 21.10 Uhr verabschiedete sich die Supportband und die Mad Crew begann mit der Herrichtung der Bühne für Placebo. Eine gute halbe Stunde später kündigten die schrägen Töne von „Leeloo“ und der Schriftzug „Placebo“ auf den fünf Videoleinwänden am oberen Bühnenrand das Nahen der Band an und dann standen sie da und legten mit „Kitty litter“ los: Brian im schwarzen Pünktchenhemd und mit schwarzer Jeans, Stef in einem schicken schwarzen ärmellosen Hemd und mit schwarzer zerfetzter Jeans und Steve ganz so wie immer mit freiem Oberkörper – sicherlich die beste Kleiderwahl bei dem Wetter! Die Setlist war dieselbe wie in Barcelona und Rom, es folgten also die Lieder „Battle for the sun“, „Every you every me” und „Speak in tongues“.

Das Publikum war angenehm und die Leute um mich herum genossen die Musik ohne großes Gehopse und Geschubse. Es wurde viel geschmachtet, mitgesungen und geklatscht und viele waren auch mit Fotografieren beschäftigt, manche hatten sogar professionell aussehende Fotoapparate dabei, was hier kein Problem war. Bloß die Frau mit der Videokamera wurde ermahnt, ihren Apparat auszuschalten und einzupacken.

Bei „Black eyed” und „Special needs” (hier klang Brians Gitarrenintro etwas merkwürdig) benutzte Stef seinen braunen Thunderbird und ich muss noch einmal erwähnen, was für ein Vergnügen es ist, Stefs eleganten Bewegungen beim Bassspielen zuzusehen! Er ist so groß, so schlank und offenbar sehr beweglich, das sieht wirklich klasse aus! Bei „For what it’s worth“ kam Stefs Glitzerbass zum Einsatz, was mir ein Extragrinsen ins Gesicht zauberte, denn wenn ich mich nicht täusche, habe ich dieses Instrument dieses Jahr noch nicht gesehen.

Dann war es endlich soweit! Nicht dass es eine große Überraschung war – wer die letzten paar Placebo-Konzerte per Internet verfolgt hat und die Konstanz der Band in Sachen Setlist kennt, weiß, welches Stündchen geschlagen hat –, aber ich habe es trotzdem sehr genossen, „I know“ noch einmal live zu hören! Das war ein ganz besonderer Moment! Mein persönliches Sahnehäubchen kam aber danach, denn „Slave to the wage“ habe ich bislang noch nie live gesehen und somit auch nicht Brians brown sunburst Fender VI, den er schon früher bei diesem Lied verwendete.

Außerdem spielt Stef bei diesem Lied eine schwarze Fender Classic Player Tele Thinline Deluxe mit weißem Schlagbrett, die er vor der Rückkehr von „Slave to the wage“ noch nicht bei Konzerten benutzt hat, also ein doppelter Augenschmaus für mich.

Nach „Bright Lights“ (bei dessen einem instrumentalen Part Brian sogar ein wenig auf und ab gehopst ist – hätte ich bei der Hitze nicht geschafft!) und „Meds“ (ebenfalls mit etwas schräg klingendem Gitarrenspiel am Anfang, aber wunderschöne Inszenierung mit einem zunächst nur auf Brian gerichteten Lichtstrahl, während der Rest der Bühne im Dunklen lag) folgte bei „Teenage angst“ die nächste Überraschung – zumindest wenn man ein Faible für die Gitarren der Band hat, denn Brian hielt wieder die hellblaue Fender Cyclone in seinen Händen!

Brians gelegentliches wildes Gestikulieren werte ich als Zeichen dafür, dass die vielen Mücken auf dem Gelände – einige davon blutsaugende Biester – auch vor der Band nicht haltmachten. Schön fand ich, dass Stef ein paarmal zum (aus unserer Sicht) linken Bühnenrand kam und es zu genießen schien, dass die Menge ihm zujubelte. Auch Brian kam mehrmals ganz nach vorne und ließ sich auch am rechten Bühnenrand blicken; er schien ganz gut gelaunt zu sein, auch wenn er wie meistens nicht allzu viel sagte, aber ein paar „Grazie“ bekamen die Zuschauer hin und wieder zu hören.

Die schwarze Gretsch, die Brian gereicht bekam, kündigte an, dass nun „Song to say goodbye” gespielt wurde und beim nächsten Lied, „The bitter end”, flippte die Menge so richtig aus. Jetzt wurde doch tatsächlich ein wenig gedrückt und gerempelt vor lauter Enthusiasmus, und danach war erst einmal Schluss und die Band verließ die Bühne, bis der Zugabenblock mit „Running up that hill” eingeleitet wurde. Auch „Post blue“ wurde nach wie vor gespielt und dann folgte „B3“, der Song, der am 28.07. beim Low Cost Festival zum ersten Mal live vorgestellt wurde und der die nächste Single der Band wird. Meiner Ansicht nach ein richtiger Knaller: perfekt für Brians Stimme, heftige Gitarrenriffs und hier und da eine Prise Electro. Ich bin jetzt schon gespannt auf die Studioversion! Kaum war der letzte Takt von „B3“ verklungen, ging es auch schon mit „Infra-red“ weiter – und zu Ende. Zum Glück wusste ich vorher schon, dass nicht mehr „Taste in men“ die Konzerte beendet, da kam die finale Verbeugung der Musiker nicht ganz so überraschend.

Erst nach dem Konzert realisierte ich, dass „Soulmates“ gar nicht gespielt wurde, ein Lied, das eigentlich nicht fehlen darf. Dass mir das erst Stunden später aufgefallen ist, zeigt mir, wie sehr ich geflasht war von diesem Konzert in dieser einzigartigen Location. Alle Strapazen der Anreise und der Kampf mit der Hitze haben sich also voll gelohnt und auch nach der noch viel stressigeren Heimreise (dank Straßensperrungen und Megastau) bereue ich die weite Fahrt keineswegs.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Konzertreviews abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Konzertreview #4_6

  1. Chris schreibt:

    Hi Luzie,ich wollte dir nur kurz für deinen mal wieder herrlichen Reise und Konzertbericht danken. Auch für die tollen Bilder die du uns mitgebracht hast ein herzliches danke schön . Also wenn es nach mir ginge, könntest du jeden tag ein Konzert besuchen nur um später deine berichte zu lesen. 🙂 Nochmal vielen vielen dank für deine Mühe. 🙂
    Liebe Grüße Dundee

  2. Toller Bericht, Luzie, Du schreibst super!!! Ich hoffe, dass ich irgendwann auch mal nach Villafranca auf ein Konzert fahren werde – nachdem es ja dieses Jahr leider nicht geklappt hat…. vielleicht 2015, dann wäre es ja wieder Zeit für Villafranca… 🙂

  3. Luzie schreibt:

    Danke, ihr zwei!
    Jeden Tag ein Placebo-Konzert hört sich verlockend an, wäre auf Dauer aber wahrscheinlich ganz schön stressig, vor allem wenn ich dann täglich Bericht erstatten müsste, Jesses! Aber so einmal pro Woche… hmmm… 😉

  4. kitz schreibt:

    Hallo liebe Luzie, es ist einfach unglaublich was du alles auf dich nimmst um Placebo live zu sehen. Ich weiß wie unglaublich heiß es um diese Zeit in Italien ist. Die Einheimischen halten auch alle für total bescheuert die jetzt nicht am Meer sind 😉 Für die Band, die ja bis auf Steve aus dem nassen, kalten Norden kommt auch nicht so einfach zu ertragen. Jedenfalls war es wieder ein Vergnügen deinen Bericht zu lesen und ich danke für deine Mühe!
    Alles Liebe!!!

  5. stefler schreibt:

    Hey liebe crazy Luzie.
    Auch von mir ein dickes Lob und Dankeschön für all deine Reviews! 🙂 Schön, das Du in den letzten Monaten für all deine Strapazen so belohnt wurdest.
    Vielleicht bringst Du ja eines Tage mal ein Hörbuch heraus mit all deinen Erlebnissen….
    Bis zum nächsten Review!
    LG stefler.

  6. luuuzie schreibt:

    Hat dies auf Luzies Welt rebloggt und kommentierte:
    In ein paar Tagen finden die ersten Deutschland-Konzerte der diesjährigen Placebo-Tour statt. Zur Einstimmung und weil es bei uns gerade frostig-kalt ist, habe ich diesen Bericht über ein wirklich heißes Konzert, den ich letztes Jahr für den deutschen Placebo-Blog geschrieben habe, noch einmal ausgegraben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s