Konzertreview #4_7

Placebo rocken das Taubertal (10.08.12), © Luzie

Brrr, kühl (und später richtig kalt) war es im Taubertal! Als wir uns nachmittags im schönen Rothenburg ob der Tauber im warmen Sonnenschein auf den Weg zum Festival machten, hätten wir nicht gedacht, dass wir an diesem Abend Pullover und Jacken gut hätten gebrauchen können. Vielleicht steckte mir auch noch die Hitze Veronas in den Knochen oder im Hirn, auf jeden Fall habe ich es schon nachmittags, als ich am Hang neben der Bühne im Schatten saß und mir Fiddler’s Green und danach Sondaschule anschaute, ein wenig bereut, dass ich außer einem dünnen Blüschen nicht etwas Wärmeres mitgenommen hatte und die 14-Loch-Boots wärmen die kurzbehosten Beine auch nicht wirklich.

Der Weg zu den Toiletten, der durch die Sonne führte, konfrontierte mich zwar wieder mit für meinen Geschmack eher unangenehmen Temperaturen, aber kaum zog man sich in den Schatten zurück, merkte man nicht mehr so viel vom Sommer.

Um nicht unnötige Energie zu verschwenden – ich wollte ja fit sein für Placebo – rockte ich dann auch zu Royal Republic im Sitzen ab, wie ungewohnt. Das Publikum war relativ relaxt, mittendrin steppte von Anfang an der Bär, am Rand war es eher ruhig und nach jeder Band löste sich die Menge vor der Bühne wieder auf und sogar an den Außenrändern der ersten Reihe wurde es luftig. Einen solchen freigewordenen Platz ganz vorne links steuerte ich dann vor den Broilers an, schließlich wollte ich später ja gute Sicht auf die Bühne haben, und außerdem war es mir inzwischen so kalt, dass ich mich unbedingt warmrocken musste, wenigstens ein bisschen. Das ging sogar noch besser zu den dancigen Grooves von The Wombats und danach war es endlich 21.55 Uhr und die Herrichtung der Bühne für den Headliner begann. Als um 22.20 Uhr der Moderator auf die Bühne kam und seiner Freude Ausdruck verlieh, dass man Placebo endlich für das Taubertal-Festival gewinnen konnte, dachte ich schon, die Herren und Dame fangen früher an, aber es hieß dann, dass es noch 10 Minuten dauert, und wie angekündigt um 22.35 Uhr dröhnten die bizarren Geräusche von „Leeloo“ aus den Boxen, nach kurzer Zeit lief der Bandname in Grün von rechts nach links über die Videotafeln – Schreie des Entzückens im Publikum – und einige Momente später standen sie endlich auf der Bühne: Brian, Stef, Steve, Bill, Fiona und Nick. Sicherer Beweis für die unangenehm kühlen Temperaturen: Steve hatte ein Shirt an!

Dessen entledigte er sich allerdings zu späterer Stunde, nachdem er sich warmgetrommelt hatte. Fionas schicke silberne Handschuhe dienten wohl nicht dem Abhalten der Kälte, sondern sollten in erster Linie gut aussehen, schätze ich. Ob es wirklich ihre sind, weiß ich aber nicht bestimmt, denn nicht nur sie, sondern auch Stef hatte dieselben Handschuhe schon bei Konzerten im Jahr 2009 an.

Die Abfolge der Lieder war die dieselbe wie bei den letzten Konzerten, allerdings glänzte Brian dazwischen immer mal wieder mit ein paar Brocken Deutsch. „Special needs“ wurde als „ein Lied für die Damen“ angekündigt, vor „Slave to the wage“ hieß es „Jetzt wir tanzen, ja?“ und bevor „Teenage angst“ begann (nach einem extralangen Schlussseufzer bei „Meds“), meinte Brian: „Jetzt wir machen etwas ein bisschen alte Schule. Haben Sie ein bisschen alte Schule gern?“. Auch Brians schon mehrfach geäußerter Spruch „Ich habe Sauerkraut in meiner Lederhose“ durfte natürlich nicht fehlen. Er schien bester Laune zu sein, schön, und auch stimmlich fand ich Herrn Molko an diesem Abend bombastisch, er gab echt alles. Vor allem bei „Meds“ schrie er in dem Part kurz vorm Schluss so wie es kein anderer als er kann.

Außerdem hatte Brian ein paar neue Posen beim Gitarrenhalten im Repertoire, das sah gut aus! Vielleicht meint er, mit Stefs eleganten Bewegungen mithalten zu müssen. Dieser kam übrigens wie in Verona vor „The bitter end“ an den vorderen Bühnenrand und forderte per Handzeichen das Publikum zum Schreien auf – erst die eine Seite, mit deren Geräuschpegel er unzufrieden war, dann die andere Seite, die seinen Daumen nach oben zu sehen bekam, dann wieder die erste und so weiter, bis er in die Saiten seiner schwarzen Gibson Les Paul schlug und das Lied begann.

Da die Bühne etwas weiter vom Publikum entfernt war als in Verona, konnte ich dieses Mal viel besser die fünf Videotafeln über der Bühne beobachten. Diese Beleuchtungselemente sorgten zusammen mit den anderen Lichtern für eine total angenehme Atmosphäre, es macht echt so viel Spaß, zuzuschauen! Meistens wurden die Bandmitglieder, so wie sie sich gerade bewegten, projiziert, entweder fünfmal dasselbe Bild oder ganz verschiedene Bilder: Fionas behandschuhte Finger am Keyboard, Stefs Gitarre, Steve beim Trommeln…  Es gab manchmal aber auch andere Dinge zu sehen, nicht nur den Bandnamen ganz zu Beginn, wie weiter oben schon erwähnt, sondern z.B. bei „Infra-red“ diese grünen senkrechten Streifen.

Nach „Running up that hill“ – wie immer wunderwunderschön – kam „vom Band“ das Intro von „Post blue”, und ab da lief alles nicht mehr so glatt. Während sich der Anfang von „Post blue“ mehrmals wiederholte, gestikulierte Brian in Richtung Bill und Nick, dass sie aufhören sollen. Auch seinem Techniker versuchte er per Handzeichen irgendetwas mitzuteilen. Trotzdem bekam Brian seine Bitch-Gitarre gereicht, das Lied startete, aber Brian hörte auch während der Performance nicht damit auf, Stef und seinen Techniker immer wieder so anzuschauen, dass klar ist, dass irgendetwas nicht stimmt, und seine Laune war offenbar im Eimer. Man (ich) merkte das auch am Gesang, er war einfach nicht mehr so kraftvoll wie normal und typische zum Normaltext addierte Worte (z.B. das „No!“ am Strophenende bei „B3“) fielen komplett weg. Ganz klar, dass Herr Molko schwer verärgert war, aber worüber? Hörte er seinen Gesang oder seine Gitarre nicht mehr, sodass er unsicher war, wie er sich beim Singen anhört? Der Techniker zwirbelte jedenfalls am Monitor hinter Brian und an den Kabeln, die zu Brians Pedalen führen, herum, aber offenbar ohne Erfolg. Da die Pause zwischen „Post blue“ und „B3“ etwas länger als normal dauerte – ich hatte echt Schiss, dass nun alles zu Ende ist –, fragte Stef das Publikum „Alles gut?“ Tja, bei uns schon… Kaum war der letzte Ton von „Infra-red“ verklungen, kommunizierte Brian noch einmal nonverbal mit seinen Bandkollegen, winkte zum Publikum und verließ nach einem „Tschüssi“ die Bühne. Auch Stef, Fiona & Co. winkten und traten dann auch ab. Keine Verbeugung Hand in Hand wie üblich. Fragende Gesichter bei den Hardcore-Fans. Was auch immer das Problem war: Es war meiner Ansicht nach nicht so schlimm, viele Festivalbesucher hatten noch nicht mal gemerkt, dass irgendetwas nicht richtig läuft. Deshalb finde ich es schade, dass Brian das Ganze nicht mit ein bisschen Humor genommen hat – shit happens nun einmal! – und stattdessen so unwirsch reagierte. Nun ja, er ist eben auch nur ein Mensch mit Macken, der manchmal bissl komisch reagiert… vielleicht mag ich ihn deshalb so sehr. Auf jeden Fall hatte ich dank dieser Band wieder einen superschönen Tag, bin in der großen weiten Welt herumgekommen, habe Bands live gesehen, die ich vorher noch nicht kannte, und ich konnte Zeit verbringen mit Freunden und lieben Bekannten. Was will man mehr?

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2 Antworten zu Konzertreview #4_7

  1. Chris schreibt:

    Danke für deine Mühe 🙂 Ich habe deinen Bericht wieder sehr genossen. Die Stelle wo du geschrieben hast, das du Brian gerade deshalb so magst, weil er eben mach mal etwas neben der Spur ist, dem kann ich nur beipflichten!!! Aus diesem Grund mag ich ihn auch so sehr, er ist Gott sei dank keine Maschine ohne Gefühle . 🙂
    Liebe Grüße Dundee

  2. Ludger schreibt:

    Hehehe, das mit der „alten Schule“ hat er fast genau so bei den Stuttgarter Sternstunden auch gebracht…

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