Konzertreview #4_8

70 wunderbare Minuten: Placebo beim M’era Luna 2012, © Luzie

Habe ich schon einmal erwähnt, dass ich alte Brillenschlange total auf Brillen stehe? Vor diesem Hintergrund kann man wohl verstehen, dass mein Herz einen kleinen Hüpfer gemacht hat, als Herr Molko beim M‘era Luna die Bühne mit Brille betrat! Und zwar mit einem neuen Modell, nicht die Nerd-Brille von 2010, sondern eine, bei der nur der obere Rand schwarz ist und der untere durchsichtig. Piepegal dass das Ding wahrscheinlich nur Fensterglas oder durchsichtigen Kunststoff  hat (andernfalls hätte Brian vielleicht ein paar Koordinationsprobleme gehabt, nachdem er das Ding sehr zu meinem Leidwesen schon nach dem zweiten Song ausgezogen hat, oder er ist nicht ganz so blind wie ich und kann sein Bühnendasein auch ohne Sehhilfe managen), andere meinen, es wäre eine Sonnenbrille gewesen, aber überstrapaziert das Tragen von Sonnenbrillen in der Dunkelheit das Klischee vom Rockstar nicht ein wenig zu sehr? Wie dem auch sei, er sah zumindest meiner Ansicht nach fantastisch aus mit dem Teil! Auch wenn es nicht aufhören wollte, sich Richtung Nasenspitze zu bewegen (wahrscheinlich der Grund dafür, dass Brian sich der Brille so früh entledigte), und angesichts der vielen schrägen Vögel auf dem Festivalgelände vielleicht auch als eine Art Verkleidung à la Brian gedacht war und weniger als schickes Modeaccessoire. Aber eigentlich mögen wir die Band ja in erster Linie wegen der Musik, nicht wahr? Also zurück zum Thema.

Die Bühne beim M‘era Luna war etwas schmäler als andere Festival-Bühnen, erkennbar auch daran, dass statt der üblichen fünf Videoleinwände nur vier aufgehängt wurden, nachdem Subway to Sally um kurz nach 22 Uhr ihr Programm beendet hatten. Zu diesem Zeitpunkt fand auch eine größere Umwälzung im Publikum statt: Viele, die offenbar auf die deutsche Band und weniger auf Placebo stehen, räumten das Feld und die Fans von Brian & Co. rückten nach. Es wurde eng. Wenn ich mich so umschaute, sah ich, dass nach links hin weitaus mehr Leute standen als den ganzen Tag über, die andere Seite konnte ich nicht ganz überblicken, dafür fehlen mir ein paar Zentimeter an Höhe. Offenbar zogen Placebo ein großes Publikum an, auch wenn sie meiner Ansicht nach nicht so wirklich ins musikalische Konzept des M’era Luna passen. Aber die Organisatoren scheinen ein Faible für die Band zu haben, nachdem sie bereits 2010 und 2003 auf diesem Festival spielten.

Wie bei jedem Konzert in diesem Jahr ging es auch an diesem Abend mit „Leeloo“ los, gefolgt von „Kitty litter“, „Battle for the sun“ und so weiter – man kennt die aktuelle Setlist ja inzwischen, zumal es an Videolivestreams von kompletten Konzerten in den letzten Tagen nicht mangelte.

Brian war bei weitem nicht so gesprächig wie am Tag zuvor in Rothenburg ob der Tauber, aber immerhin wurde „Special needs“ als „etwas für die Damen“ präsentiert und es waren auch ein paar „Dankeschöns“ zu hören. Außerdem kam Brian mehrmals ganz nach links an den vorderen Bühnenrand und ließ sich auch ganz außen rechts mal blicken, was ja auch eine Art Aufs-Publikum-Zugehen ist, im wahrsten Sinn des Wortes. Stef war diesbezüglich an diesem Abend etwas zurückhaltend.

Musikalisch war die Band aber in guter Form und ich habe es wie immer genossen, den sechsen zuzusehen und die Lichtinstallationen auf mich wirken zu lassen. (Ich muss allerdings zugeben, dass ich Fiona nur äußerst selten zu Gesicht bekommen habe, weil ich doch ziemlich weit links stand und die Box mir die Sicht auf die Musikerin versperrte. Echt schade, denn mit diesem breiten goldenen Halsband und dem schwarzen Minikleid sah sie an diesem Abend total schick aus!)

Da die Spielzeit der Band nur auf eine Stunde und 15 Minuten angesetzt war, also gut eine Viertelstunde kürzer als bei den anderen Konzerten, war klar, dass einige Songs wegfallen würden. So bekamen wir weder „Bright Lights“ (zu fröhlich für’s M’era Luna-Publikum?) noch „Teenage angst“ zu hören. Aber das fand ich jetzt nicht so tragisch, denn das wunderschöne „I know“ und „Slave to the wage“ – eines meiner Lieblingslieder –, die ja erst seit diesem Sommer wieder auf der Setlist stehen und somit noch nicht ganz so oft gespielt wurden, waren im Programm. Gut so. Auch auf „Meds“ wurde zum Glück nicht verzichtet; der Anfang und der Schluss dieses Songs gehören für mich zu den absolut schönsten Momenten jedes Placebo-Konzerts. Brians Gesang, seine Gesten, das Licht bei diesen Sequenzen bescheren mir immer so eine Art Ganzkörpergänsehaut der angenehmen Sorte.

Nach „Running up that hill“ ertönte dann das Intro von „Infra-red“ und die Videoleinwände zeigten diese grünen senkrechten Balken. „WTF?!“ war mein erster Gedanke, denn eigentlich sollte da jetzt ja „Post blue“ und danach der neue Song „B3“ kommen. Ich ahnte schon, dass wir‘s nicht mit einer Umstellung der Reihenfolge der Songs im Zugabenblock zu tun haben (Sorry Band, aber die Vielfältigkeit in Sachen Setlist habt ihr wirklich nicht mit Löffeln gefressen!), sondern dass danach Schluss sein würde und genau so war es. Steve kam nach vorne, warf mehrere Drumsticks in die Menge, dann fassten sich alle an den Händen und verbeugten sich, was am Tag zuvor in Rothenburg ja komplett ausgefallen war. Insofern war also alles normal.

Trotzdem frage ich mich immer noch, warum das neue Lied nicht gespielt wurde, denn wenn „B3“ bald als Single auf den Markt kommen soll, wäre ein bisschen Werbung dafür doch auch beim M‘era Luna angebracht! Zumal auch noch Zeit war, um mindestens einen weiteren Song zu spielen, schließlich sollte die Band bis um Mitternacht auf der Bühne stehen und nicht nur bis fünf vor zwölf. Vielleicht war ja tatsächlich beim Taubertal-Festival irgendetwas von der Technik her so dermaßen gecrasht, dass die „Post blue“/ „B3“-Kombi auch am Tag danach nicht gespielt werden konnte, wer weiß…Genossen habe ich das Konzert trotzdem, wie immer, und ich habe das Gefühl, dass es noch lange dauern wird, bis mir die never-ending gleiche Setlist aus den Ohren kommen wird, denn Placebo live zu erleben ist für mich nach wie vor der Oberhammer!

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6 Antworten zu Konzertreview #4_8

  1. Sabrina schreibt:

    Das ist so wunderbar geschrieben!Da hast du wirklich Talent für 😉 xx

  2. Chris schreibt:

    Da kann ich mich nur anschließen, der Konzertbericht ist wieder einfach genial. Danke Luzie für deine Mühe. 🙂

  3. Susannah schreibt:

    Wonderful review L!!

  4. K.B. schreibt:

    Hallo Luzie, auch ich war auf dem M’era Luna und war diesmal begeistert von der Setlist. Endlich mal wieder ein paar ältere Songs. Und: Die Jungs haben endlich Ihre Lebensfreude wieder gefunden und trugen ein lebensbejahendes SCHWARZ !!! Perfekte Show, tolle Stimmung und B3 hab ich noch nicht gehört. Liegt wohl auch daran, dass ich in der letzten Zeit die Band ein wenig kritischer betrachtet habe 😉 Aber: Hut ab für deinen Bericht.

  5. kitz schreibt:

    Vielen Dank für deinen, wie immer sehr bildlich geschriebenen Bericht. Ich werde jetzt erstmal nach videos mit Brians neuer Brille suchen 🙂 Bist du eigendlich jetzt auch noch bei Rock im Pott?
    Lieben Gruß

  6. Luzie schreibt:

    Herzlichen Dank für die netten Worte!
    Ja, ich werde auch noch zu Rock im Pott pilgern – in der Hoffnung, dass die Band das auch tut, denn nach den Neuigkeiten vom Frequency hab ich bissl Schiss, dass Placebo die restlichen Konzerte nun doch noch canceln. Also: Daumendrücken, dass Brian schnell wieder fit ist!

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